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Blog · 20. Juli 2026 · 5 Min Lesezeit

Warum mehr Kontrolle weniger Präzision bedeutet

Die 200-Millisekunden-Schwelle, ab der bewusste Kontrolle nicht mehr hilft, sondern sabotiert. Warum ich in Confolens 2022 von Platz 1 auf Platz 8 fiel und was Mikromanagement mit dem Lösen der Sehne gemeinsam hat.

Bei der Europameisterschaft 2022 in Confolens lag ich nach dem ersten Tag mit Vorsprung auf Platz 1. In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich lag wach im Hotelzimmer, rechnete, bewertete, malte mir Szenarien aus … Ich kann hier Europameister werden. Damit startete ich schon vor dem ersten Pflock im Ergebnisdenken.

Statt die Führung als Ergebnis meines Prozesses zu sehen, lud ich das „Leader sein“ am zweiten Tag mit enormer Bedeutung auf. Ich wurde verbissen, und mein innerer Dialog drehte sich um eine scheinbar logische Vorgabe. „Ich darf keinen Fehler machen.“

Die Folge war paradox und typisch. Ich konnte Präzision nicht mehr abrufen, obwohl sie im Training stabil saß. Die Gruppen wurden größer, das Timing wurde schwerfällig, und die Target Panic, die ich seit Jahren im Griff hatte, klopfte wieder an. Nicht weil ich es „verlernt“ hatte, sondern weil ich versuchte, automatisierte Prozesse aktiv zu kontrollieren, die zu schnell ablaufen, um bewusst gesteuert zu werden.

Am Ende fiel ich von Platz 1 auf Platz 8 zurück.

Das ist kein Technikfehler. Das ist ein Regelkreisfehler.

Zwei Regelkreise, ein System

Jede Bewegung in deinem Körper läuft über einen von zwei Regelkreisen. Beide sind notwendig, und Probleme entstehen erst, wenn sie an der falschen Stelle ihre Arbeit machen.

Closed Loop Control ist bewusste Steuerung mit Rückmeldung. Du nimmst aktiv wahr, vergleichst Soll und Ist und korrigierst. Dieser Regelkreis ist klug, aber langsam, denn jede Rückkopplung dauert länger als 200 Millisekunden.

Open Loop Control ist automatisierte Ausführung ohne Rückmeldung. Die Bewegung startet, läuft als gespeichertes Programm ab und ist abgeschlossen, bevor eine Korrektur überhaupt möglich wäre. Sie ist schnell, präzise und durch Wiederholung gelernt. Genau diese Eigenschaft macht den Prozess so zuverlässig.

Bewegungen unter 200 Millisekunden, also der eigentliche Auslösemoment im Schuss, der Abschlag im Golf, der Absprung beim Springer, müssen als Open Loop laufen. Jeder bewusste Eingriff in dieser Phase stört. Du bremst dein eigenes System, weil du langsamer reagierst, als der Prozess läuft.

Schema mit Exekutive und Effektor, links der Open Loop unter 200 Millisekunden, rechts der Closed Loop über 200 Millisekunden
Open Loop und Closed Loop laufen parallel, aber an unterschiedlichen Stellen im Ablauf

Wie beim Autofahren

Du kennst das Prinzip aus dem Alltag. Beim Autofahren schaust du auf die Straße, und dein Unterbewusstsein hält den Wagen ganz von alleine in der Spur. Du musst die Mikrokorrekturen nicht planen. Du musst nichts tun. Du musst nur sehen.

Sobald du versuchst, die Spur bewusst zu kontrollieren, wird die Steuerung grober. Du übersteuerst zwangsläufig. Beim Zielen ist es exakt dasselbe. Wer den Punkt einfrieren und das Visierbild zwingen will, bekommt das Gegenteil. Der Float, das natürliche Schweben des Visierbilds vor dem Lösen, wird größer und ungleichmäßiger, weil bewusste Kontrolle in einen Prozess greift, der zu schnell für sie ist.

Wenn du dagegen ins Ziel schaust und den Float passieren lässt, regelt das Unterbewusstsein, und das System wird ruhiger. Es wird ruhiger, weil du dem richtigen Regelkreis vertraust, und nicht, weil du mehr kontrollierst. Wahrnehmung steuert die Bewegung, nicht der Wille.

Mikromanagement, dieselbe Falle auf anderem Feld

Im Berufsleben ist die Mechanik identisch. Eine Führungskraft, die jede Detailentscheidung kontrollieren will, jeden Mail-Entwurf gegenliest und jeden Kundenanruf nachprüft, sitzt mit Closed-Loop-Kontrolle in Prozessen, die als Open Loop laufen müssen. Initiative im Team läuft als Open Loop, getragen von Vertrauen, Eigenverantwortung und Tempo. Wer das mit Closed-Loop-Kontrolle übersteuert, bremst das System aus, ohne es zu wollen. Dahinter steckt selten böse Absicht, meistens ein Regelkreismissverständnis. Das Team wird langsamer, obwohl es nicht weniger kann, weil jeder Schritt erst die Kontrolle des Chefs durchlaufen muss. Tempo geht verloren, und mit dem Tempo das Vertrauen, dass eigene Entscheidungen tragen.

Mikromanagement ist nicht „zu viel Engagement“. Mikromanagement ist Closed-Loop-Kontrolle in einem Open-Loop-Moment. Der Mikromanager sägt an dem System, dem er angeblich helfen will, genauso wie der Schütze, der jeden Schuss kontrollieren will, statt ihn laufen zu lassen.

Der Ausweg ist in beiden Welten der gleiche. Closed Loop in der Vorbereitung, Open Loop in der Ausführung.

Kontrolle gehört an die richtige Stelle

Closed Loop ist nicht das Problem. Bewusste Steuerung ist unverzichtbar in der Vorbereitung, in der Strategie und in der Nachbetrachtung. Das Problem entsteht, wenn du sie an der falschen Stelle einsetzt, nämlich im Open-Loop-Moment der Ausführung, in dem dein System auf Vertrauen angewiesen ist.

Wenn du im Wettkampf, im Pitch oder im Mitarbeitergespräch den Eindruck hast, dass deine Kontrolle die Sache verschlimmert, ist das selten ein Mangel an Disziplin. Es ist ein Hinweis, dass du im falschen Regelkreis arbeitest.

Bleib mit deinem Fokus im Moment, auf dem, was du wirklich beeinflussen kannst. Vertrauen in den eigenen Prozess ist keine Naivität, sondern Regelkreisdisziplin.

Wie du den Closed Loop in der Action-Phase als Aufmerksamkeitsanker nutzt, ohne in den Open Loop zu greifen, und welche Rolle Trigger und Reinforcement dabei spielen, steht in Kapitel 4 meines Buchs Denken schlägt Gedanken. Der Schussprozess, der genau diese Trennung trainiert, ist der Kern meines Online-Kurses Mind Driven Process Shooting.

Denken schlägt Gedanken – Präzision ist eine Entscheidung, Erfolg nur ein Ergebnis in der Zukunft.

Jan Veltin Georgi
Jan Veltin Georgi IFAA Weltmeister Team 2023 · Gründer Mind driven Shooting · Autor
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Mentale Führung unter Druck. Softcover 24,95 €, E-Book ab 1. Oktober 2026.