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Blog · 4. August 2026 · 6 Min Lesezeit

Zu leicht ist auch ein Zustand

Bei der Deutschen Meisterschaft Bowhunter 2025 hat mich nicht Nervosität den Titel gekostet, sondern Leichtigkeit ohne Führung. Vier Betriebsmodi deines Systems, die Zustandsmatrix als Diagnosewerkzeug und warum die Suche nach Flow ihn vertreibt.

Deutsche Meisterschaft Bowhunter DFBV, Oktober 2025. Erster Wettkampftag.

Ich treffe gut. Sauber, klar, wie selbstverständlich. Die ersten Targets der Meisterschaft schieße ich voll. Die Entscheidungen sind ruhig, der Ablauf konstant, der Prozess stimmt. Die Gruppenzusammensetzung ist alphabetisch, nicht leistungsbasiert, ich kenne die Mitschützen kaum, und meine Ergebnisse liegen von Beginn an weit über dem Gruppendurchschnitt. Es fühlt sich leicht an. Zu leicht.

Einer der Mitschützen, heute ein guter Freund, kommentiert Situationen mit Witz und Ironie. Die Stimmung wird locker, humorvoll, freundschaftlich. Und irgendwann, ohne dass ich es bewusst entscheide, kippt etwas. Der Wettkampf verliert seinen Ernst. Nicht im Sinne von Respektlosigkeit, sondern im Sinne von innerer Führung. Ich bin weiterhin da, aber nicht mehr konsequent steuernd.

Dann die Pause. Ich setze mir keinen neuen Startpunkt, keinen klaren inneren Rahmen, keinen bewussten Wechsel vom sozialen Modus zurück in den Leistungsmodus. Die Leichtigkeit bleibt, die Führungsstruktur fehlt.

Nach der Pause brauche ich sechs, sieben Targets, um überhaupt wieder in meinen Prozess zu finden. Nicht weil mir Technik fehlt, sondern weil die Struktur fehlt, die mein Können trägt.

Am Ende des Turniers, nach dem dritten Wettkampftag, fehlen mir zum Meistertitel nur wenige Ringe. Verloren an genau diesem Tag. An einem Tag, an dem ich alles konnte, aber nicht alles geführt habe.

Mentale Zustände sind keine Gefühle

Im Alltag beschreiben wir Leistungsfähigkeit über Gefühle. Ruhig, locker, selbstbewusst, souverän. Für Mentale Führung reicht das nicht.

Ein mentaler Zustand ist kein Gefühl, sondern ein Betriebsmodus deines Systems. Er ergibt sich aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, aus Aktivierungsniveau, Aufmerksamkeitsausrichtung, Art der inneren Sprache, Entscheidungslogik und dem Verhältnis von bewusster Kontrolle zu Automatismus.

Ein Zustand ist ein Paket aus Aufmerksamkeit, Sprache, Entscheidung und Kontrolle. Du musst ihn nicht mögen. Du musst ihn lesen können.

Vier Betriebsmodi in einer Matrix

Um Zustände einordnen zu können, arbeite ich mit einer einfachen Matrix aus zwei Achsen:

  • Emotionale Aktivierung und Ernsthaftigkeit, von niedrig bis hoch
  • Bewusste kognitive Kontrolle, von niedrig bis hoch
Matrix aus Aktivierung und Kontrolle mit den vier Feldern Flow-Zustand, Übersteuerung, Komfortzone und Kontrollierter Fokus
Die vier Betriebsmodi Flow-Zustand, Übersteuerung, Komfortzone und Kontrollierter Fokus
  • Flow-Zustand (hohe Aktivierung, niedrige Kontrolle): maximale Leistung, hohe Ernsthaftigkeit, minimale Selbstbeobachtung.
  • Übersteuerung (hohe Aktivierung, hohe Kontrolle): hoher Wille, geringe Effizienz. Das System will treffen und beginnt zu kontrollieren.
  • Komfortzone (niedrige Aktivierung, niedrige Kontrolle): angenehm, aber instabil. Leistung wirkt leicht, Führung ist weich.
  • Kontrollierter Fokus (niedrige Aktivierung, hohe Kontrolle): bewusste Korrekturphase, sinnvoll für Analyse und Reset, als Dauerzustand begrenzt.

Kein Feld ist an sich gut oder schlecht. Entscheidend ist, ob der Zustand zur Aufgabe passt und ob du den Wechsel bewusst führen kannst.

Was mir bei der DM 2025 passiert ist, lässt sich in dieser Matrix exakt ablesen. Ich bin nicht nervös geworden und nicht „schlecht“ geworden. Ich bin von Flow in die Komfortzone abgeglitten, schleichend, unmerklich, getragen von guter Stimmung und fehlendem inneren Ernst. Aktivierung und Führungsdichte sanken. Und als nach der Pause die Anforderung wieder stieg, fehlte mir die Struktur, um zurückzukommen.

Das ist der Klassiker der Komfortzone. Es fühlt sich locker an, aber die Führung ist nicht da. Kommt dann eine Störung wie ein Fehler, eine Pause oder ein Zwischenstand, fehlt die Struktur, um stabil zu bleiben.

Umgekehrt wird hohe Aktivierung oft vorschnell als Problem bewertet. Hohe Aktivierung ist Energie. Zum Problem wird sie erst, wenn sie mit kognitiver Kontrolle gekoppelt wird. Dann entsteht Übersteuerung.

Wenn du im Wettkampf schlechter wirst, frag dich nicht zuerst „Bin ich nervös?“, sondern:

  • Bin ich im Prozess oder im Kommentar?
  • Öffne ich Entscheidungsfenster, die geschlossen sein sollten?
  • Kontrolliere ich gerade etwas, das unbewusst laufen muss?

Flow ist ein Nebenprodukt, kein Ziel

Flow ist der meistmissverstandene Begriff im Leistungssport.

Mihaly Csikszentmihalyi hat Flow als Zustand vollständiger Absorption beschrieben, gekennzeichnet durch das Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein, klare Ziele, unmittelbares Feedback und das Verschwinden von Selbstbeobachtung. In der Zustandsmatrix ist Flow hohe Aktivierung bei niedriger kognitiver Kontrolle.

Im Sinne des Performance-Modells nach Lanny Bassham ist Flow kein eigenständiger mentaler Zustand. Er ist das Ergebnis eines kohärenten Zusammenspiels. Das Selbstbild erlaubt Leistung, das bewusste Denken führt, ohne zu kontrollieren, und das Unterbewusstsein führt aus, ohne gestört zu werden.

Flow ist kein Ziel, sondern ein Nebenprodukt korrekter Struktur.

Hier liegt das Paradox, das Csikszentmihalyi selbst beschrieben hat. Sobald du prüfst, ob du im Flow bist, entsteht Bewertung. Bewertung erzeugt Kontrolle. Kontrolle stört den Automatismus. Die Suche nach Flow zerstört Flow.

Christian Swann, einer der führenden Flow-Forscher im Sport, hat eine wichtige Ergänzung geliefert. Nicht jede Spitzenleistung ist Flow. Es gibt auch den sogenannten Clutch-State, einen Zustand hoher Leistung unter bewusster Anstrengung, der sich anfühlt wie gezieltes Kämpfen, nicht wie müheloses Fließen. Beide Zustände produzieren exzellente Ergebnisse. Der Unterschied liegt darin, dass Flow sich graduell aufbaut und energetisiert, während Clutch plötzlich einschaltet und erschöpft.

Für die Praxis heißt das, dass du nicht im Flow sein musst, um gut zu sein. Aber du musst die Bedingungen schaffen, unter denen Flow entstehen kann. Routinen, die Entscheidungsfenster schließen. Ein Prozess, der Führung trägt, ohne Kontrolle zu erzwingen. Zustände akzeptieren, statt sie zu bekämpfen.

Bei der DM 2025 habe ich nach der Pause sechs, sieben Targets gebraucht, um zurückzufinden, mit bewussten Korrekturen und der konsequenten Rückkehr zu meinem Prozess, ohne den Versuch, Flow herzustellen. Flow kam dann von selbst.

Dieselbe Logik im Team

Wenn ich versuche, den Zustand eines Teams zu kontrollieren, also Teamgeist zu erzwingen oder Hochleistung einzufordern, erzeuge ich meist das Gegenteil. Mikromanagement zerstört genau die Bedingungen, die ich eigentlich will. Teams kommen durch eingespielte Prozesse, Eigenverantwortung und einen klaren Rahmen mit Freiheiten in den Flow, nicht durch Kontrolle des Endzustands.

Mentale Führung heißt nicht, sich oder andere in einen besseren Zustand zu zwingen. Sie heißt, die Bedingungen zu schaffen, in denen Flow entstehen kann. Auch dann, wenn es leicht erscheint. Gerade dann.

Makro- und Mikro-Routinen, State-Management statt State-Kontrolle und den Awareness-Scan für Pausen beschreibe ich in Kapitel 8 meines Buchs Denken schlägt Gedanken.

Denken schlägt Gedanken – Präzision ist eine Entscheidung, Erfolg nur ein Ergebnis in der Zukunft.

Jan Veltin Georgi
Jan Veltin Georgi IFAA Weltmeister Team 2023 · Gründer Mind driven Shooting · Autor
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Denken schlägt Gedanken

Mentale Führung unter Druck. Softcover 24,95 €, E-Book ab 1. Oktober 2026.